Русская версия
The Press

SUMMERFOLK, future without a past

 

Der Demokrat, ein wildes Tier?

„Sommergäste. Zukunft ohne Vergangenheit“ nach Maxim Gorki im Petersburger Pokolenij-Theater

 

Wer sich der Sonne hingibt, stand bei Maxim Gorki im Kreuzfeuer einer theatralischen Gesellschaftskritik. Sie ist noch heute aktuell – jedenfalls mit dem, was das kleine Petersburger Off-Theater Pokolenij jetzt aus dem Stoff gemacht hat.

 

 

Sie schwitzen in der Sonne, die Sommergäste im fürs Off-Theater adaptierten Gorki-Stoff. / Foto: Vadim Iwanow

 

Von Ruth Wyneken

 

Oh ja – wir lesen und hören es jeden Tag – Unruhen in Nordafrika, der Türkei, in Südamerika. Diese Protestzüge in Russland… Lasst uns bloß in Frieden! Wir buchen eine Pauschalreise und machen Urlaub! Naja, Ägypten gerade nicht… aber Tunesien oder Marokko geht doch, oder Antalya?! Wir müssen ja nicht nach Istanbul, und die Bomben in Syrien hört man an der türkischen Riviera auch nicht. Na also! Und während die Frauen sich am Strand räkeln und übers langweilige Leben sinnieren, auch ein Liedchen anstimmen, erzählen sich die Männer schlüpfrige Witze und lassen sich volllaufen. Urlaub all inclusive! Wer sagt’s denn?! Maxim Gorki! Der hat vor über hundert Jahren schon geahnt, wie‘s läuft in der schnöden Gesellschaft und zwischen den Geschlechtern. Und schrieb 1904 „Die Sommergäste“ über Menschen, die sitzen und reden, unglücklich sind oder saturiert, lieben und hassen, sich ausnutzen lassen und ausbeuten, ihre sauberen oder schmutzigen Deals drehen oder sich gegen die Zustände auflehnen.

 

Ahnte Gorki, was bald darauf Russland und die Welt erschütterte? Revolutionen, Weltkriege, das „rote Rad“, das alles zermalmte? Gorki, der barfuß ganz Russland durchlief, wurde als Revolutionär verbannt oder verhätschelt, zuletzt saß er im goldenen Käfig… Man weiß nicht genau, wie Väterchen Stalin wirklich zu ihm stand, aber dass er Gorki als Dichter hoch lobte, ist bekannt.

 

Die Szenerie der sich räkelnden Sommergäste ist jetzt jedenfalls in einem alten Fabrikgebäude auf der Petrograder Seite der alten Zarenstadt St. Petersburg eingerichtet. In einem Loft mit rohen Wänden, ein paar Plastikstühlen, viel Eisengestänge und einem alten Klavier, versammeln sich Menschen. Wer ist wer? Gleich zu Beginn wird jemand, der laut seine Gedanken mitteilt, verhaftet und abgeführt. Was redet er auch so politisch?! Aber hallo – kein Grund zur Aufregung: Gorkis Biografie ist doch harmlos, wenn sie als nettes Märchen verpackt wird? Sehr witzig, wie im Gorki-Märchen der Kreml als rotes Backsteingebäude mit Zinnen beschrieben wird, auf dessen Türmen lange diese blutroten Pentagramme prangten. Auf einmal rennt eine Horde Kinder durch den Raum, stellt sich auf ein Podium und deklamiert aus sozialphilosophischen Texten. Stopp! War das nicht aus der Schlussrede von Marija Aljochina? Jetzt proben ein paar Verrückte auch noch aus Tschechows „Möwe“ Wir wollten doch was vom Sommer hören …

 

„Sommergäste. Zukunft ohne Vergangenheit“ nach Maxim Gorki ist, es sei hier gesagt, nur für Zeitgenossen zu empfehlen, die sich auf kühnes, experimentelles und sehr innovatives Theater einlassen wollen. Jede Vorstellung ein  Event, zu dem schon Theaterleute aus Berlin und der Schweiz anreisten. Gemacht hat sie ein internationales Team: der russische Theaterleiter Danila Korogodskij (seit 24 Jahren auch Professor für Bühnenbild an der Staatsuniversität von Kalifornien), der deutsche Regisseur Eberhard Köhler und der US-Amerikaner Christopher Barecca. Kalifornische Studenten richteten unter Jeffery Eisenmann (Bühne) den Raum und die Technik ein, die Musik schrieb der Petersburger Iwan Kuschnir. 24 Spieler wirken mit, darunter Kinder aus einem Nachwuchsstudio.

 

“Unsere Zuschauer sind Menschen mit wachem ­sozialen Bewusstsein, die auf die Straße ­gingen, Leute mit ­persönlichem ­Verantwortungsgefühl für das, was aus uns wird”

 

Es gibt keine Helden, sondern Gruppen von Menschen. Die einen wollen die dunklen Flecken der Geschichte ans Licht bringen, egal, wie weh das tut, und damit eine echte Basis für Reformen und Demokratie schaffen – die anderen aber wollen ihre Ruhe haben und sich nach getaner Arbeit Urlaub gönnen. Nix mit Politik! „Da erwarten sie Erneuerung von der Demokratie – aber ich frage euch: wer weiß schon, was das für ein wildes Tier ist, der Demokrat?“ fragt der Schriftsteller Schalimow bei Gorki zynisch. Die Kluft zwischen den Gruppen geht tiefer, als alle wahrhaben wollen, und die Folgen merken sie erst, als die alte Ordnung kracht. Da steigt die Darstellerin der Ärztin Marja Lwowna nach ihrem Plädoyer zur Aufklärung der Vergangenheit aus der Rolle und fetzt eine Punkrock-Version der alten Sowjethymne hin. Wir denken an Pussy Riot. Wir sind Beobachter, Zeugen, Mitwisser – vielleicht sogar passive Mittäter? Eine Regieassistentin dirigiert immer wieder das Geschehen, setzt die Zuschauer um, unterbricht, lässt proben und mischt sich ein. Geschichte ist veränderbar, ihre Darstellung erst recht! Und so erleben wir hautnah widersprüchliche Sichtweisen und Positionen von Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute, die uns aufrütteln und keinen mehr kalt lassen.

 

Die Inszenierung „Sommergäste. Zukunft ohne Vergangenheit“ schreibt Gorkis Text fort und stellt schärfste Fragen unserer Gegenwart. Können wir etwas bewirken, indem wir intellektuell debattieren, während rings um unsere privilegierten Ghettos Aufstände ausbrechen und die Welt sich verändert? Wir verstehen beide Positionen, sagt diese Inszenierung. Wir müssen sie tolerieren und im Gespräch bleiben, auch wenn uns nicht alles gefällt. „Unsere Zuschauer sind Menschen mit wachem sozialen Bewusstsein, die auf die Straße gingen, Leute mit persönlichem Verantwortungsgefühl für das, was aus uns wird“, sagt Theaterleiter Korogodskij. Regisseur Köhler ergänzt: „Wir glauben, dass sie unser Bemühen stützen, Geschichten in größerem Maßstab zu erzählen, die nicht in den Rahmen von simplen Teleformaten passen.“

 

Allein, diese brisante Arbeit kann nur selten gespielt werden, denn vom neuen Petersburger Gouverneur erhält das Off-Theater, in dem die Sommergäste derzeit zu sehen sind, keine Unterstützung mehr. Wovon nächsten Monat die Miete für das Loft zahlen? Dabei ist das Pokolenij-Theater ein Geheimtipp, ein künstlerischer Leuchtturm in der meist konservativen Petersburger Theaterlandschaft. 

 

Mehr zum Theater und zu den Stücken im Programm auf der Webseite unter www.pokoleniy.ru

 

 

 

- See more at: http://www.mdz-moskau.eu/der-demokrat-ein-wildes-tier/#sthash.EessnTeQ.dpuf

 

http://www.mdz-moskau.eu/der-demokrat-ein-wildes-tier/