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October 10 — Patriotism

Press review

Alle Voegel sind schon da

Hoch flogen die Pläne der revolutionären Ornithologen


 https://www.woz.ch/1443/zimmerwald-als-theater/hoch-flogen-die-plaene-der-revolutionaeren-ornithologen

http://www.derbund.ch/kultur/theater/Lenin-und-die-Brigade-Feuervogel/story/17006468

Russische Sorgen

AUS ST. PETERSBURG ANDREAS RÜTTENAUER

http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/07/24/a0173

http://www.nzz.ch/zuerich/zuercher_kultur/zwei-sprachen-zwei-spielweisen-1.18419984

 

 

Alphorn und Akkordeon

„Alle Vögel sind schon da“ von Matto Kämpf und Ariane von Graffenried

Schlachthaus Bern / Teatr Pokolenij Sankt Petersburg

Im September 1915 fand in Zimmerwald bei Bern ein von dem Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm organisiertes Treffen der Sozialistischen Internationale statt. Prominenteste Teilnehmer waren Lenin und Trotzki, und fern der Schlachtfelder ging es unter anderem um eine grundsätzliche Haltung gegen den Krieg. Damit die Sache möglichst ungestört stattfinden konnte, war sie als Ornithologen-Kongress getarnt. In der Schweiz kennt diese Geschichte fast jeder, und zu Zeiten des sozialistischen Weltreichs kamen öfter sowjetische Delegationen in den kleinen Ort, der ihnen als eine der Keimzellen der Oktober-Revolution galt. Wenn man heute nach einer Schnittmenge zwischen schweizerischer und russischer Geschichte sucht, kommt man recht schnell darauf, stellte der Ko-Autor Matto Kämpf fest. Und skurril genug ist sie außerdem, bestens geeignet auch für eine Auseinandersetzung mit den postsowjetischen Anteilen in Putins Politik, zumal im früheren Leningrad noch fast alle Lenin-Denkmäler stehen und an jedem Haus, wo der Revolutionär mal untergekommen war oder eine Rede gehalten hat, Gedenktafeln prangen.

Statt eines papierenen Doku-Stücks haben die beiden Autoren eine ziemlich verspielte Vorlage geschrieben, die Eberhard Köhler und Danila Korogodskij (zugleich Ausstattung) entschlossen subversiv als großes Spektakel inszenierten, in dem sich der Kongress vom Totentanz des Weltkriegs mit der russischen Märchenhexe Baba Jaga und heutigen Zimmerwald-Touristen verbindet. Baba Jaga etwa kann Tote zum Leben wieder erwecken, so immer wieder den bis heute nicht begrabenen Lenin, der in der Darstellung durch Artjom Schilow mit entsprechendem Bart zu den lebendigsten Figuren dieses Panoptikums aus vielen kleinen, manchmal nur lose verbundenen Szenen gehört. Die Touristen indes finden statt eines Denkmals für den bedeutenden Ornithologen-Treff heute eine schnöde Franken-Bank (der Kanton übrigens hat, lange schon genervt vom Zimmerwald-Tourismus, wohl ohne echten Grund das Aufstellen von Lenin-Denkmälern verboten). Wie eine heutige Internationale aussehen könnte, wird dann am Ende auch noch gezeigt mit den Porträts von Snowden oder des gerade ermordeten Putin-Kritikers Nemzow, für die der Musiker Simon Ho in Erwiderung des russischen Akkordeons tief ins Alphorn bläst. Das ist also alles nicht ohne, zumal in Russland inzwischen auch die kleineren freien Theater nach dem Zensurfall von Nowosibirsk in die Aufmerksamkeit der Behörden rücken und die letzte, um einige Szenen erweiterte und mit Blick auf den Ukraine-Krieg aktualisierte Aufführungsserie in Petersburg schon unter diesen Umständen gespielt wurde.

Natürlich operiert ein solcher aufs Groteske gehende Ansatz mit vielen recycelten Oberflächenreizen aus dem Mülleimer der Geschichte. Der russische Titel von „Alle Vögel sind schon da“ lautet „Die Krähen sind angekommen“, spielt also auf Vögel an, die gern auch in Aas herumpicken und als Vorboten von Unheil gelten. Zwar eröffnet Ernst Buschs Schmetterstimme mit „Er rührte an den Schlaf der Welt“ die Inszenierung und die Lenin-Geschichte darin, aber dann bekommt man neben all den schräg lustigen Baba-Jaga-Vogelforscher-Possen zwischen Bern-Dialekt sprechenden Schweizer und russischen Schauspielern auch ein paar bis in die Gegenwart fasernde Geschichtsstränge zu fassen. So diskutieren Marx und Engels in Gestalt ihres verschwundenen Berliner Denkmals gegenüber dem Palast der Republik noch einmal die These, dass die Revolution keinesfalls in einem unterentwickelten Land wie Russland hätte angezettelt werden dürfen, was eben in unserer Gegenwart zur „slawischen Katastrophe“ geführt habe. Das ist in nur zwei Kilometern Luftlinie vom geschichtsträchtigen Ort dieses Coups und mit Blick auf die heutigen Verhältnisse ein starkes Statement, mit dem das Zimmerwald-Spektakel dramaturgisch vom historisch Grotesken in den Ernst der politischen Gegenwart schaltet, ohne dabei seinen Schwung zu verlieren und ins Agitieren zu geraten.

Das Teatr Pokolenij hat mit dieser Koproduktion noch einmal einen Sprung geschafft. Zuhause in renovierungsbedürftigen, den Berliner Sophiensälen ähnelnden Fabriketagen im Petersburger Norden, ist in den letzten zehn Jahren Karagodskijs Theater ein beachtlicher Ensembleaufbau gelungen, in dem nun neben Partisanen der ersten Stunde wie Sergej Mardar (mit grimmigen Humor als Baba Jaga) und Svetlana Smirnova (aus der beachtlichen Anfangsproduktion „Antigone“) einige Jungstars der Petersburger Szene zu sehen sind. Noch können sie nicht allein von diesem ‚Theater der Generationen’ leben, machen Fernsehen oder anderes. Aber das Zentrum it diese Theaterarbeit mit Ambition als Zukunft.

 Thomas Irmer