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Wird man als Theaterregisseur geboren oder kann man einer werden?

 

Wird man als Theaterregisseur geboren oder kann man einer werden? Muss man Kritiker fürchten?

2010/11/21

Wird man als Theaterregisseur geboren oder kann man einer werden? Muss man Kritiker fürchten?

Wie gestaltet man Theateraufführungen in einem fremden Land? Was sind Theaterexperiment? Darüber und über andere interessante Dinge erzählt „Der Meister der Theater-Experimente“ – Regisseur Eberhard Köhler.011

— Wann sind Sie, das erstes mal nach St.Petersburg gekommen? Was hat Sie überrascht? Wie war ihr erster Eindruck.

— Das erste mal in meinem Leben war ich 1984 in Leningrad und sofort verliebt in diese Stadt. Wundervoll, der Himmel, die Architektur und das es keine Werbung und so wenig Autos gab — paradiesisch...

— Wie haben Sie begonnen, mit dem Theater Pokoleniy zusammenzuarbeiten?

— Mit Teatr Pokoleniy habe ich das erste mal 2005 gearbeitet als ich Danila Korogodsky für die letzten 20 Tage als Co Regisseur bei seiner ersten Inszenierung (Bez Lira) geholfen habe.

— Erzählen Sie, mir bitte über die arbeit mit russischen Schauspielern. Hatten Sie gemeinsamkeiten gefunden?

— Natuerlich sind solche Generalisierungen immer sehr ungenau. Gibt es doch ganz verschiedene russische Schauspieler so wie es auch ganz verschiedene deutsche, amerikanische, schweizer usw. Schauspieler gibt. Im Fall unseres Ensembles gibt es natuerlich signifikante Ueberschneidungen der Interessen: sie kommen alle aus einer Ausbildung in der Stanislavskiy eine grosse Rolle spielte, das war in meiner Ausbildung in Zuerich ebenso der Fall.
Sie interessieren sich fuer realistische dramatische Literatur, ebenso wie ich. Sie verstehen die Improvisation als eine eigenstaendige gleichberechtigte Kunstform im dramatischen Theater, eine Art die Dinge zu sehen die ich ebenfalls teile und die mir sehr wichtig ist.

-Wie unterscheiden sich russische Schauspieler von Deutsche?

— Stark vereinfacht koennte man sagen, das mir in Russland ein weitaus koerperlicheres Spiel begegnet ist, die Schauspieler gehen bereitwillig ein hohes Risiko ein. Staerken der deutschen Schauspieler liegen (aufbauend auf den Entdeckungen von Bertolt Brecht) haeufig darin, dass sie eigenstaendiger Verfremdungen anbieten und Geschichten sehr viel staerker interpretieren.

— Wie unterscheidet sich das russische Publikum von dem Deutschen oder von dem Europäischem?

— Vereinfacht gesagt koennte man es so ausdrücken: in Deutschland befindet sich das Theater in einer Nische. Es mag eine sehr komfortable, mit Samt ausgeschlagene Nische sein aber eben trotzdem eine weitestgehend bildungsbürgerliche Nische. In Russland, scheint mir, befindet sich das Theater weit mehr im Zentrum der Gesellschaft. Spricht ein wesentlich breit gestreuteres Publikum an, und bekommt auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit einen höheren Stellenwert.

— Sie arbeiten nur mit Junge Schauspielern? Fanden sie es kompliziert, gemeinsamkeiten zu finden? Hatten sie komplikationen mit den Schauspielern um die gemeinsamkeiten zu finden? Oder haben Sie ein geheimnis vielleicht?

— Wie kommen Sie zu dieser Information? Ich arbeite mit Schauspielern verschiedensten Alters aus allen Generationen. Ich glaube dass dies gerade eine der entscheidenden Qualitäten von Theater ist, dass hier verschiedene Generationen auf Augenhöhe gleichberechtigt miteinander arbeiten und permanent gegenseitig voneinander lernen und profitieren. Die relativ junge Altersstruktur des Teatr Pokoleniys liegt allein in seiner Entstehungszeit, der Gründung durch Zinoviy Jaklovich Korogodsky begründet.

— Treffen sie haeufig auf Widerstand bei den Schauspielern?

— Das was ich am häufigsten antreffe bei unseren Schauspielern ist eine grosse Offenheit, Neugierde und Risikobereitschaft. Schwierigkeiten erlebe ich lediglich in den Arbeitsprozessen als Ringen mit den Inhalten unddas muss meinesErachtens auch so sein.

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-Inwiefern haben Sie eine freie Auswahl an Schauspielern?

— In unserem Ensemble versuchen wir mit einem Kreis von etwa 18 Leuten regelmässig kontinuierlich zu arbeiten. Trotzdem treffe ich Besetzungsentscheidungen allein nach künstlerischen Gesichtspunkten und fühle mich hier völlig frei. Auch bei anderen Theatern wo ich als Gast arbeite, nehme ich keine Aufträge an, wenn ich eine Besetzung vorgeschlagen bekomme, an die ich nicht glaube.

-Sie fuehrten eine altgriechische Tragödie und verschiedene klassische Werke und werke von modernen Autoren. Welches art von material oder zeitepoche interessiert Sie ueberwiegend?

— Zum Glueck muss ich mich da nicht entscheiden, für verschiedene, gleichermassen wichtige Inhalte sind jeweils andere Formen am besten geeignet. Unser Repertoire besteht zu etwa ¼ aus klassischer Theaterliteratur, 1/3 aus russischen Erstaufführungen moderner zeitgenössischer Autoren und zu etwa 2/5 aus eigenen Stückentwicklungen, die aus Improvisationen der Spieler erstellt werden. Gerade diese Kombination finde ich sehr reizvoll.

— Welche werke oder welche autoren geben ihnen eine vielfalt an moeglichkeiten zu interpretierung?

— Derzeit beschaeftige ich mich gerade in Deutschland mit dem deutschen Autor Franz Xaver Kroetz und für Russland erneut mit der schweizer Autorin Laura de Weck. Bei beiden Autoren spielt in unterschiedlicher Weise die Stille, die Pause, die Abwesenheit von Sprache eine grosse Rolle. Das scheint also etwas zu sein, was mich im Moment kolossal interessiert.

— Sie haben viele Rollen gespielt. Spielen sie weiterhin rollen als darsteller, Oder haben sie, sich der Regie vollständig gewidmet? Was gefaellt ihnen mehr, die rolle des darsteller zu spielen oder die eigene regie zu fuehren?

— In meiner Ausbildung wurde von den Regisseuren verlangt auch Schauspielerei zu lernen. Ich habe allerdings eine sehr grosse Hochachtung vor diesem Beruf und weiss, dass meine eigenen Möglichkeiten auf diesem Feld begrenzt sind. (Trotzdem kommt es immer mal wieder vor, dass ich in den eigenen Arbeiten für einen erkrankten Kollegen einspringen muss. Aber wissen Sie, die Regie ist meines Erachtens einer der schönsten Berufe der Welt. Ich wollte mit niemandem tauschen.
Meine Diplominszenierung am Ende meiner Ausbildung war auch ein Stück von Franz Xaver Kroetz «Das Nest», welches wir erst in Zürich und später noch in Berlin, Leipzig, Bremen und Wuppertal gespielt haben. Meine erste Inszenierung im Festengagement am Staatstheater Saarbrücken war das Stück der Schauspielers Felix Römer (mittlerweile Schaubühne Berlin) «Bibione» und schliesslich, meine erste Arbeit als freier Regisseur (1994) war gleichzeitig eine meiner schönsten: «Sommergäste» («Datschniki») von Maxim Gorkiy in Zürich. Ich habe immer Angst wenn ich eine Arbeit beginne. Beim «Nest» war es sehr interessant, wie unterschiedlich es in der Schweiz, in West-Berlin in der DDR und in Westdeutschland aufgenommen wurde. Vier völlig verschiedene Welten.

— Wuerden sie Nach den Jahren ihrer erster Vorstellung etwas daran verändern?

— Ehrlich gesagt, ich glaube das ist gerade das besondere an der Situation im russischen Theater und in meinem Fall am Teatr Pokoleniy: die Tatsache dass die einzelnen Inszenierungen nicht wie in Deutschland nach 2 ½ Monaten tot sind sondern mehrere Jahre im Repertoire überleben. Dass gibt diese wahnsinnig schöne Freiheit, dass man ständig daran weiterarbeiten darf, konstant Veränderungen machen kann, diese mit neuem Publikum ausprobieren und dass die Suche und Forscherarbeit nie aufhört.

— Oder moechten sie ueberhaupt etwas an ihren aufuehrungen veraendern? Ich weiss, dass sie Antigona schon 4 mal aufgefuehrt haben und jedesmal auf neues schockierten sie das Publikum. Was spornt sie auf diese Experimente an?

— War das Publikum schockiert? Das muss mir entgangen sein. Ich glaube der Schwerpunkt des Interesses, aber auch die räumlichen Gegebenheiten waren jedesmal grundverschieden.
In Zürich 1989 interessierte mich einmal der Umgang mit Bertolt Brechts Antigone Modell und dann die Frage der Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im Vernichtungskrieg in der Sowjetunion (einige Jahre vor (!) der sehr kontroversen Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung). In Bern (2001 – zeitgleich mit dem 11. September) interessierte uns vor allem der Konflikt zwischen religiösem Fundamentalismus und einem westlich demokratischen Staatsverständnis. Ausserdem das Sichtbarmachen, welche Vorgänge zur gleichen Zeit geschehen, um die Frage von Zufall oder göttlicher Vorsehung zu verschärfen.
In St Petersburg (2007) stand im Zentrum unserer Forschung, was passiert, wenn man wie bei der Uraufführung vor 2400 Jahren alle solistischen Rollen bloss von drei Schauspielern spielen lässt und der Chor ständig in für das Publikum unverständlichen Sprachen redet, singt und tanzt. Dies führte zu einer sehr puristischen und zugleich achaischen und modernen Aufführung – sehr spannend.
Etwas zu wiederholen, was ich schon erprobt habe, hat mich noch nie interessiert.

— Man nennt sie den Meister des Experimentes. Wie verhalten sie sich zu solch einem Titel?
Welche meinung haben sie, überhaupt zu thema Theaterexperiment ?

— Theaterexperimente sehe ich sehr gerne und finde sie oft ausgesprochen inspirierend. Ich fürchte ich selbst bin eher ein recht gewöhnlicher in den Arbeitsweisen sogar eher konservativer Regisseur. Also das Gegenteil von dem schmeichelhaften Titel, den sie mir geben. Aber wissen Sie, bei mir steht oft die Schauspielerei im Zentrum, ich liebe es Geschichten zu erzählen und menschliche Konflikte in einer realistischen Form (mit) erlebbar zu machen. Alles wie gesagt nicht sehr modische und eher derzeit konservative Arbeitsansaetze. Das Handwerkliche im Fordergrund und nicht die Verwirklichung der subjektiven und spezifischen Regiehandschrift.

— Nach welchem empfinden gehen sie ,wie und wann ist die grenze und wo muss ich stehen bleiben?

— Da gibt es wahrscheinlich sehr wenig algemeingültige Regeln. Ich hasse es, mich zu langweilen also mussalles was auf der Bühne vorgeht mich irgendwie interessieren. Ausserdem ist Rassismus, Sexismus aber auch blosse Ästhetik (bloss um der Schönheit Willen) und l`art pourt l´art nicht mein Ding. Möchte ich nicht sehen.

— Wo haben Sie gelernt diese Experimente zu machen und wieso kommt der begriff auffuehrung „nicht für alle“ zustande ?

— Also erstmal sollte jede Aufführung für alle sein und nicht per se, oder von vorneherein niemanden ausschliessen. „Allen gefallen wollen“ – das ist natürlich eine ganz andere Frage und führt vermutlich zu zu ängstlichen Entscheidungen und zu zu vielen künstlerischen Kompromissen. Neues Zeug auszuprobieren hat mich immer interessiert, gleichzeitig macht es natürlich auch jedesmal von neuem Angst: „vor der weissen Leinwand zu stehen. Gelernt habe ich von allen offenen und hilfsbereiten Kollegen in praktisch jeder Produktion.

— Welche namen ihrer lehrer koennen sie mir nennen ?

— Die beiden wichtigsten Lehrer waren sicher der schweizer Regisseur und Improvisations-Fachmann PAUL WEIBEL und der Ost Berliner Stückeschreiber Christoph Hein. Daneben sind Kurt Josef Schildknecht (der ehemalige Intendant des Staatstheaters Saarbrücken), und die Regisseure Detlef Jacobsen und Kai Braak zu nennen. Am meisten lerne ich aber natürlich jedesmal von meinen Schauspielern und deren Neugierde .

— Haben Sie angst, dass die Presse von Ihrer Vorstellung schreibt?

— Nein im Gegenteil, ich freue mich wenn wir in der öffentlichen Meinung vorkommen. Aufmerksamkeit hilft und bringt uns dringend benötigtes neues Publikum. Angst machen mir Kritiken, die schon geschrieben sind, bevor der/die Kollege (in) das Stück gesehen hat. Das habe ich leider einige male erlebt.

— Wie verhalten sie,sich zu kritik?

— Versuche sie mit Neugierde und wenn´s gelingt grosser Offenheit wahrzunehmen und als Ansporn für zukünftige Arbeit zu werten.

— Gibt es ihrer meinung nach grosse unterschiede zwischen der russischen und der westlichen kritik?

— Ja da gibt es schon sehr grosse Unterschiede. Zum einen ist in Russland das theater viel mehr im Mittelpunkt des Interesses (man schaue nur einmal ein paar Stunden „Kanal Kultura“ im Fernsehen), während es im deutschen Sprachraum doch eher in dieser komfortablen Bildungsbürger Nische existiert. Zum anderen begegnen wir in Russland doch häufig (sogar auf internationalen Festivals wie in Novgorod) weitaus konservativeren Vorstellungen. Es scheint noch viel eher einen Kanon zu geben, was erlaubt ist auf der Bühne und was nicht.

— Welchem Theater gehören sie jetzt an oder arbeiten sie freischaffend?

— Ich arbeite freischaffend, lebe in Berlin. Aber ich betrachte das Teatr Pokoleniy , mit dem ich kontinuierlich zusammenarbeite und zur künstlerischen Leitung gehöre als meine künstlerische Familie, meine „Heimat“.

— Wie bereiten sie sich auf die Neuinszenierung vor und Wie waehlen Sie ihr Material dafuer aus?

— Ganz unterschiedlich. In Deutschland gibt es häufig Vorschläge interessierter Theater oder einen Dialog über verschiedene Möglichkeiten. In Petersburg versuchen wir einerseits ein Gespür dafür zu entwickeln, welche thematischenZusammenhänge, welche gesellschaftlichen Fragen gerade wichtig sind, andererseits versuchen wir auch ein Schauspielerensemble zu entwickeln und halten also stetig nach den richtigen Rollen , den geeigneten nächsten Aufgaben für unsere Spieler Ausschau.

— Was Sie erwarten von der naechsten Vorstellung?

— Hoffentlich ein interessiertes Publikum und zuvor einen erhellenden, überraschenden und aufregenden Arbeitsprozess.033

— Welches Theater und welche auffuehrung bevorzugen Sie als Zuschauer ?

— Sehr gerne schaue ich postmodernes Theater (Regisseure wie Frank Castorff) — etwas das ich selber gar nicht kann. Oder Puppentheater (meine Lieblingsstücke sind die von der Puppenspielerin Suse Wächter und dem Regisseur Tom Kühnel). Auch Tanztheater (Pina Bausch) liebe ich sehr. Nichts anfangen kann ich mit flachem Unterhaltungstheater, Musical und einem Teil des Opern Repertoires.

Varvara Kondaurova

 

http://vokrugda.com/2010/11/